„Die Narben in unserer Stadt“

Kairo seit der Revolution 2012: Sexuelle Übergriffe gegenüber Frauen in der Öffentlichkeit nehmen zu und werden rechtlich kaum geahndet. Initiativen wie HarassMap wollen das ändern. DAAD-Stipendiat Mohamed El-Khateeb berichtet über das Thema und seine Arbeit.

Er engagierte sich bei HarassMap und studiert mit einem Stipendium des DAAD derzeit an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Programm M.Sc. Environmental Governance (MEG).

Mohamed W. El-Khateeb © privat

Mohamed W. El-Khateeb © privat

Vor einigen Tagen lief ich die Tahrir-Straße von Bab ElLouk/Falaky aus herunter. Ich war auf dem Weg zu einem Geschäftsessen, als mir plötzlich klar wurde: Wir leben in einer Stadt der Narben. Während ich an den Geschäften entlangging, kamen mir die brutalen, unmenschlichen Angriffe auf Demonstrantinnen im November 2012 und danach in den Sinn – die Narben in unserer Stadt. Seit dem Beginn der Revolution in Ägypten vor fast drei Jahren lebt die Idee der Rückeroberung öffentlicher Räume, die der totalitäre Staat für sich beanspruchte, bekannt geworden als „Arabischer Frühling“.

Angriffe auf offener Straße: Frauen sollen zurückgedrängt werden
Manche dieser Fälle habe ich selbst erlebt, als Freiwilliger einer Initiative gegen sexuelle Belästigung: An der Ecke Tahrir- und Amir-Kididar-Straße wurde eine Frau brutal angegriffen und dann mit vorgehaltenem Messer vergewaltigt. Auf der anderen Seite derselben Straße, dort, wo sie die Mohamed-Mahmoud-Straße kreuzt und man vor dem Haupteingang des Campus der American University Cairo (AUC) steht, wurden viele weitere Frauen belästigt. Die Kleider wurden ihnen vom Leib gerissen, sie wurden überwältigt und manchmal beinahe verschleppt. Im Gegensatz zu der weitverbreiteten Annahme in Ägypten haben diese Vorfälle nichts mit der Kleidung der Opfer zu tun, nichts mit ihrem Aussehen, ihrer ethnischen Herkunft, ihrem Alter oder ihrer sozialen Schicht. Diese Angriffe richten sich gegen Demonstrantinnen, einfach weil diese beschlossen haben, auf die Straße zu gehen und von ihrem Recht Gebrauch machen, sich den öffentlichen Raum zu nehmen und ihre politische Meinung zu äußern.

Ägyptisches Strafrecht schützt nichtausreichend vor Übergriffen
Nach ägyptischem Recht ist Belästigung illegal. Zwar bleiben Begriffe wie „Vergewaltigung“ oder „sexueller Übergriff“ im ägyptischen Strafrecht unklar. Das Gesetz führt aber speziell „unsittliche Handlungen oder die Verletzung der persönlichen Ehre, die sich gegen eine Frau richtet“ auf, einen Passus, der von jedem guten Anwalt und verständigen Richter zur Verurteilung eines Angreifers oder Vergewaltigers angewandt werden kann.

Das eigentliche Problem liegt bei der Durchsetzung solcher Gesetze. Ohne juristische und soziale Konsequenzen für Belästiger und Vergewaltiger bleiben Frauen jedoch weiterhin Übergriffen in der Öffentlichkeit ausgesetzt, von weit verbreiteten, eher harmlosen Bemerkungen und Blicken bis hin zu Fällen extremer sexueller Gewalt, während die Wiederholungstäter auf freiem Fuß bleiben.

Das Innenministerium schuf kürzlich eine erste Stelle zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen © www.facebook.com/theHurghadians

Das Innenministerium schuf kürzlich eine erste Stelle zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen © www.facebook.com/theHurghadians

Ziviler Widerstand: Initiativen gegen Gewalt
HarassMap hat zum Ziel, die gesellschaftliche Akzeptanz sexueller Übergriffe in Ägypten zu beenden. Als die ehrenamtliche Initiative im Jahr 2010 die Arbeit aufnahm, gab es kaum Projekte gegen sexuelle Belästigung. Dagegen gab es viele unüberschreitbare Grenzen, viele Ausreden und Tabus, mit denen wir konfrontiert wurden, als wir versuchten, auf der Straße Aufklärung zu betreiben. Inzwischen gibt es mehr als ein Dutzend Kampagnen und freiwillige Initiativen, die vor Ort und in den sozialen Medien aktiv sind. Das Thema sexuelle Belästigung findet in der Gesellschaft und den Medien zunehmend Beachtung. Sogar das Innenministerium schuf kürzlich eine erste Stelle zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Ob sich daraus eine landesweite politische Linie entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Dennoch
wäre dieser Schritt wenige Jahre vor der Revolution noch undenkbar gewesen.

Wir hoffen, dass die fortgesetzten Anstrengungen der Freiwilligen und eine stärkere gesellschaftliche Beachtung zu einem kritischen Punkt führen, ab dem sexuelle Belästigung nicht mehr akzeptabel ist. Dazu gehören auch Konsequenzen für die Täter und sicherere Straßen für die Frauen.

Bis dahin wird der Tahrir-Platz von all den gewaltsamen Vorfällen gezeichnet
sein, egal wie sehr man sich bemüht, ihn zu reinigen, umzugestalten oder Gras über diese Narben wachsen zu lassen – zumindest in meiner Erinnerung

Mohamed El-Khateeb – 11. Oktober 2013

Update: 3. Mai 2015
Seit der Erstveröffentlichung dieses Artikels sind nur einige Fälle von sexueller Belästigung und Gruppenvergewaltigung vor Gericht gebracht und die Täter verurteilt worden. Zwar enthält die im Januar 2014 verabschiedete neue Verfassung Bestimmungen zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, und nach einer Änderung des Strafgesetzbuches sind darin auch Paragrafen zur Kriminalisierung der sexuellen Belästigung von Frauen enthalten. Diese berücksichtigen allerdings einer Studie von FIDH, Nazra und anderen Initiativen zufolge nicht alle Aspekte der sexuellen Belästigung und Gruppenvergewaltigung von Frauen und sind zudem unklar formuliert.

Die neuen Bestimmungen sind außerdem noch nicht vom ägyptischen Parlament verabschiedet worden, und es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sie sich in der nächsten parlamentarischen Sitzung als mehrheitsfähig erweisen. Ägypten ist seit Juli 2013 ein Land ohne gewählte Regierung.

Anmerkung: Der Artikel „Die Stadt der Narben“ erschien erstmals in der Jubiläumsausgabe 1993 – 2013 des Amica e.V. und ist hier in einer leicht veränderten Fassung veröffentlicht.

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