Ein Restrisiko bleibt immer

Raumplaner Mark Fleischhauer über Grenzen des Risikomanagements

Wenn es zu einer Katastrophe kommt, ist schnell die Rede von Planungsfehlern. Doch so einfach ist es nicht. „Oft ist man tatsächlich erst im Nachhinein klüger“, sagt Dr. Mark Fleischhauer vom Institut für Raumplanung der TU Dortmund. Die Grenzen des Risikomanagements sind sein Thema beim Dortmunder Workshop Ende April – nach Dresden und Freiburg die dritte Station des Millennium Express.

Was haben Raumplaner mit Katastrophenschutz zu tun?
Sehr viel. In unser Feld fällt ein wichtiger Teil des Risikomanagements. Das bedeutet: Wir analysieren Katastrophenfälle und ihre Ursachen, um daraus Empfehlungen für den Wiederaufbau in der betroffenen Region abzuleiten. Oder wir ermitteln im Vorfeld, welche Regionen von welchen Risiken betroffen sind. Zum Beispiel habe ich mit Studierenden eine Karte von Dresden angefertigt, die zeigt, welche Stadtviertel sich weniger gut für räumliche Entwicklung eignen, weil sie gleich von mehreren Risiken wie Waldbrand, Überschwemmung oder technischen Unfällen bedroht sind.

Finden solche Studien Gehör?
Risiken sind stets ein ungeliebtes Thema. Lokale Eigentümer etwa sehen Risikokarten nicht gerne, weil diese Einfluss auf den Wert ihrer Grundstücke haben können. Auch Politiker beschäftigen sich ungern mit Risiken. Menschen lernen leider nur aus Erfahrungen. Deshalb fällt es uns schwer, uns eine mögliche Gefahr vor Augen zu führen. Erdbeben oder ein Atomunfall sind extrem seltene Ereignisse, trotzdem sind sie in Japan gemeinsam aufgetreten. Erst dieses Ereignis hat unser Bewusstsein für solche Risiken geschärft.

Wie können Risiken im Voraus berechnen werden?
Es gibt zwei Möglichkeiten. Erstens lässt sich beispielsweise im Hochwasserschutz aus den Erfahrungen der Vergangenheit eine statistische Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis ableiten. Zweitens ist bei noch nie da gewesenen oder äußerst seltenen Katastrophen eine Berechnung theoretisch-mathematisch möglich. Beide Verfahren sagen nur begrenzt etwas über die tatsächliche Gefahr aus. Denn schließlich kann man auch mit einem Würfel viermal hintereinander eine Sechs würfeln, auch wenn das unwahrscheinlich ist.

Bringt Risikomanagement Sicherheit?
Bis zu einem gewissen Grad ja. Viele Ereignisse werden vom Risikomanagement erfasst, allerdings nicht die extremen Fälle. Man kann sich nicht gegen jede noch so unwahrscheinliche Katastrophe absichern. In Fukushima hatten die Fachleute für Erdbeben bis zur Stärke 7,4 auf der Richterskala Vorsorge getroffen, aber das letzte Beben erreichte die Stärke 9. Vor drei Jahren traf Dortmund eine sehr seltene Sturzflut: Zwei Stunden starker Regen führten zu einer Überschwemmung, obwohl die Stadt kein Hochwassergebiet ist. So bleibt immer ein Restrisiko. Es ist am Ende eine politische Entscheidung, welche Risiken und welche Schäden eine Gesellschaft zu tragen bereit ist.

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