Erfolgreich gegen den Hunger

Interview mit Agrarökonom Matin Qaim

Matin Quaim

Matin Quaim

Leere Teller oder aber volle Schüsseln zu unerschwinglichen Preisen – für die Industrieländer scheint dieses Szenario absurd. Doch Matin Qaim, Professor für Welternährungswirtschaft an der Georg-August-Universität Göttingen, schaut in die Zukunft. In 40 Jahren könnte die Versorgungslage weltweit schlecht aussehen, besonders für arme Menschen in Entwicklungsländern. Als Gast auf dem Podium beim Workshop in Hannover und im Interview erklärt er, was wir tun müssen, um Hunger zu vermeiden.

Reicht unsere Nahrungsmittelproduktion aus, um die Weltbevölkerung zu ernähren?

Matin Qaim: Noch reicht sie aus, aber das wird sich schnell ändern. Wir müssen mit einem starken Bevölkerungs- und Einkommenswachstum rechnen. Deshalb wird der Bedarf an Nahrungs- und Futtermitteln bis zum Jahr 2050 um 70 Prozent steigen. Außerdem fließen immer mehr Rohstoffe vom Acker in Bioenergie. Je teurer Energie wird, desto attraktiver werden diese neuen Quellen werden. Die Gesamtnachfrage könnte in den kommenden Jahrzehnten um 100 Prozent steigen.

Können wir diesen Bedarf decken?

Die Statistik zeigt, dass schon jetzt eine Schere zwischen Angebot und Nachfrage besteht. Derzeit wächst die Nachfrage um 1,8 Prozent im Jahr, die Produktion legt aber nur um 1,3 Prozent zu. Das äußert sich in steigenden Lebensmittelpreisen und hat fatale Folgen für die Entwicklungsländer. Arme Menschen geben schon jetzt 70 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus.

Wie lässt sich diese Entwicklung stoppen?

In den Industrieländern können wir zum Beispiel die Nachfrage beeinflussen, indem wir weniger auf Bioenergie setzen, weniger Lebensmittel wegwerfen und weniger Fleisch konsumieren.

Vegetarier sind also die nachhaltigeren Esser?

Wenn alle Menschen Vegetarier wären, könnten wir statt sieben Milliarden auch 15 Milliarden Menschen ernähren. Denn für ein Kilogramm Rindfleisch müssen zehn Kilogramm Getreide angebaut werden. Aber so eine Argumentation macht keinen Sinn, schließlich ist Fleisch ernährungsphysiologisch wertvoll und sollte allen Menschen zur Verfügung stehen. Mit 90 Kilogramm pro Kopf und Jahr konsumieren wir in den Industrieländern allerdings zu viel davon. Ein Drittel davon, sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, wäre ausreichend. Zum Vergleich: Menschen in Indien oder Afrika stehen weniger als zehn Kilogramm pro Kopf und Jahr zur Verfügung.

Wenn wir hier also weniger Fleisch essen, hat eine afrikanische Familie mehr davon auf dem Teller?

Im übertragenen Sinne schon, allerdings haben wir nicht nur ein Verteilungsproblem. Es wird im Jahr 2050 eine Milliarde Menschen in den reichen Ländern und acht Milliarden Menschen in den heutigen Entwicklungsländern geben. Selbst wenn wir hier auf Nahrung verzichten würden, könnten wir den Gesamtbedarf so nicht decken. Wir müssen also auch auf der Angebotsseite etwas unternehmen.

Und das heißt?

Effektiver anbauen: Die Ressourcen Land, Wasser und Nährstoffe sind begrenzt. Nachhaltig ist nur eine Steigerung der Produktion bei geringerem Einsatz von Ressourcen. Und das braucht entsprechende Technologie.

Wie können sich aber Entwicklungsländer diese Technologie leisten?

Ein afrikanischer Kleinbauer braucht keinen Traktor, dafür aber vielleicht eine Maissorte, die an die Beschaffenheit seines Ackers angepasst ist oder verbesserte Nacherntetechnologien. Innovation bedeutet aber nicht nur Technik im engeren Sinn. Auch bessere Straßen und Transportwege, landwirtschaftliche Beratungsleistungen oder der Zugang zu Kleinkrediten sind Innovationen, die die Produktivität steigern.

Lässt sich so das Hungerproblem lösen?

Ja, und zwar gleich in doppelter Hinsicht. Denn 80 Prozent der Hungernden gehören zur einfachen Landbevölkerung. Durch mehr Produktivität wäre mehr und somit preiswertere Nahrung vorhanden. Gleichzeitig bedeuten ertragreichere Ernten für die Bauern mehr Einkommen, sodass sie sich besser ernähren können.

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